LANDESARMUTSKONFERENZ-BW e.v.

Bericht von unserem Bündnispartner MCM Mulhouse: Bildungskrise und Repression in Frankreich

 

Unser Bündnispartner MCM Mulhouse (Maison des Citoyens du Monde) informiert in diesem Gastbeitrag über die aktuellen Proteste der Schülerinnen und Schüler in Frankreich. Neben den gravierenden Mängeln im Bildungssystem – wie eklatantem Lehrermangel und überfüllten Klassen – beleuchtet der Autor Michel Muller auch das unverhältnismäßig harte Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Jugendlichen. Lesen Sie hier seinen ausführlichen Bericht und seine Einschätzung der politischen Lage.

 

Seit über einem Monat protestieren Schülerorganisationen in Frankreich gegen den eklatanten Lehrermangel, marode Schulen – besonders in Arbeitervierteln – und faire Zugangschancen zum Hochschulwesen. Da der Bildungsminister drei Wochen lang stumm blieb, begannen die Jugendlichen mit Schulblockaden.

Die Regierung reagierte mit harter Repression und schickte massenhaft Polizeikräfte. Über 6.500 Jugendliche (15 bis 18 Jahre) wurden festgenommen, in etlichen Fällen begleitet von Polizeigewalt. Vor Gericht gestellt wurden jedoch nur 13 von ihnen. Das harte Vorgehen entflammte die Lage weiter: Auf beiden Seiten gab es Hunderte Verletzte – darunter Schüler mit bleibenden Schäden wie dem Verlust eines Auges oder Gliedmaßen. Da viele der eingesetzten Polizisten nicht für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung geschult waren, setzten sie wahllos gefährliche Waffen wie Blendgranaten und Gummigeschosse ein. Nach Veröffentlichung schockierender Bilder verbot die Regierung diese Waffen schließlich. Auch abseits der Zentren, etwa in Mulhouse, verflog die Polizei Jugendliche teils bis in die Eingänge von Wohnhäusern.

Diese unverhältnismäßige Reaktion hat zwei Ursachen:

  1. Eine historisch repressive Polizeidoktrin: Sie wurzelt in der Niederschlagung früherer Volksaufstände sowie in kolonialen Praktiken zur Abschreckung.

  2. Die Angst vor einer Ausweitung der Proteste: Die Sorge, dass sich der Unmut auf weitere Teile der Bevölkerung überträgt, die unter Kaufkraftverlust und Zukunftsängsten leiden.

Die Kalkulation der Regierung ging jedoch nicht auf: Die Repression löste eine Welle der Sympathie aus und zwang den Bildungsminister an den Verhandlungstisch. Zudem wurden wie durch Zauberhand 3.000 ungenutzte Lehrerstellen freigegeben.

Dennoch halten die Proteste an. Unterstützt von Lehrern, Schulleitungen, Gewerkschaften und Elternverbänden rufen die Schüler zu weiteren Demonstrationen auf. Versuche der Rechten und Extremrechten, die Partei La France Insoumise (LFI) und Jean-Luc Mélenchon als Drahtzieher darzustellen, verfehlten ihre Wirkung in der Öffentlichkeit.

Die zentralen Forderungen der Schüler umfassen:

  • Mehr Personal: Behebung von Unterrichtsausfall und kleineren Klassen statt überfüllter Räume mit 30 bis 35 Schülern.

  • Bessere Schulzeiten: Entlastung bei überlangen Schultagen von teils 8 bis 18 Uhr.

  • Gute Infrastruktur: Sanierung veralteter Gebäude, bessere Hygiene und Hitzeschutz im Sommer.

  • Reform von „Parcoursup“: Abbau von Orientierungsängsten und unfairen Auswahlkriterien beim Hochschulzugang.

Unterstrichen werden diese Forderungen durch den strukturellen Notstand des Bildungssystems: Zum Schuljahresbeginn 2026 fehlte an 53 % der öffentlichen Mittel- und Oberstufen mindestens eine Lehrkraft. Die Bewerberzahlen für das Lehramt sind in den letzten 20 Jahren um fast 60 % eingebrochen. Ein Grund liegt in den Gehältern: Frankreich rangiert im europäischen Vergleich auf Platz 12. Ein Sekundarschullehrer verdient in Frankreich durchschnittlich 34.945 € brutto im Jahr – im Vergleich zu 66.563 € in Deutschland.

Diese Missstände spiegeln sich auch im enttäuschenden PISA-Ranking wider (Platz 34 in Mathematik, Platz 28 im Leseverständnis). Trotz der dramatischen Lage zeigt die Regierung keine Einsicht: Der Entwurf für den Haushalt 2027 sieht den Abbau von weiteren 1.558 Lehrerstellen vor.

Michel Muller

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