LANDESARMUTSKONFERENZ-BW e.v.

Impressionen zur Ausstellung „Geträumte Wirklichkeiten“ in der Galerie Lände Kressbronn

 

Die Anreise aus dem Westen Baden-Württembergs bis nach Kressbronn am Bodensee ist durchaus aufwendig. Hinter Friedrichshafen und kurz vor Lindau gelegen, ist es von hier aus nicht mehr weit bis zum österreichischen Bundesland Vorarlberg. Die kommunale Kunstgalerie Lände entstand dort vor mehr als 30 Jahren. Sie liegt unweit des Sees in einem alten Park mit imposantem Baumbestand.

Aktuell zeigt die Galerie die Ausstellung „Geträumte Wirklichkeiten“ vom 28.06.- 23.08.26, kuratiert von Frau Ulrike Kremeier, der Leiterin des Brandenburgischen Landesmuseums für Moderne Kunst. Die Schau wird anschließend auch in Cottbus und voraussichtlich in Frankfurt (Oder) zu sehen sein. Sie umfasst rund 100 Werke aus den 1920er- und 1930er-Jahren – einer Zeit des Umbruchs zwischen den beiden Weltkriegen und den darauffolgenden Jahrzehnten.

Das Besondere an diesem Konzept: Ulrike Kremeier, die selbst aus Kressbronn stammt, hat den Künstler Sepp Mahler aus Bad Wurzach als verbindendes Element und „roten Faden“ zwischen den ausstellenden Künstlerinnen und Künstlern gewählt. Ob dieses Vorhaben gelungen ist? Nach dem Galeriebesuch und mit den Eindrücken der Mahler-Ausstellung vom 28.05. bis 10.07.2026 beim DBG Stuttgart lässt sich sagen: eher nein.

Was die Galerie Lände an Werken aus der Epoche von etwa 1919 bis 1950 präsentiert, besitzt für sich genommen schon enorme Substanz. Künstlerinnen und Künstler wie Lea Grundig, Hans Grundig, Paul Fuhrmann, Rudolf Bergander, Paula Lauenstein, Walter Ballhause, Fritz Tröger und Alexander Rodtschenko stehen jeweils stark für sich selbst. Ob sie Sepp Mahler als Verbindungsglied überhaupt benötigen? Mahler war zwar mit seinen frühen Arbeiten eine außergewöhnliche Begabung aus Oberschwaben, die selbst der Berliner Galerie Der Sturm rund um Herwarth Walden auffiel. Aus unserer Sicht war er jedoch vor allem ein Kosmopolit, der die Kraft des Außerirdischen, der Natur und des Menschen in seinem Werk zusammenzudenken vermochte – und der das NS-Regime auf seine ganz eigene Weise überlebte.

Auch ohne vertiefte Kenntnis der einzelnen Biografien spürt man beim Betrachten der Werke – besonders bei Lea und Hans Grundig – das Grauen des Faschismus. Die um 1936 entstandenen Arbeiten greifen den Terror des NS-Regimes bereits auf und nehmen den bevorstehenden Krieg vorweg, der den Alltag der Menschen tiefgreifend verändern sollte. Werke wie Der Schrei oder Nach der Arbeit auf der Autobahn von Lea Grundig sowie das Porträt der Tänzerin Dore Hoyer von Hans Grundig aus dem Jahr 1938 bleiben im Gedächtnis haften. Mitten unter diesen ausdrucksstarken Arbeiten begegnet man Sepp Mahler mit seinen völlig unterschiedlichen Inhalten und Sujets.

Besonders ins Auge fallen auch die reichlich vertretenen und thematisch vielschichtigen Bilder von Paul Fuhrmann. Werke wie Tanz ums Goldene Kalb, Schöpfungsturm oder An der Brücke sind äußerst sehenswert.

Auffallend bleibt jedoch, dass Mahlers Motive der Befreiung durch französische Soldaten im Jahr 1945 fehlen. Auch vom Übergang in die 1950er-Jahre der jungen Bundesrepublik ist nichts zu sehen; ebenso wenig wird bei den ostdeutschen Künstlern die Nachkriegsphase und die Entstehung der DDR thematisiert. Warum das so ist, kann auch diese Ausstellung nicht beantworten. Schließlich lebte Bertolt Brecht nach seinem langen Exil bis 1956 in Ost-Berlin und feierte dort mit seinem Epischen Theater große Erfolge – wenngleich er auch erhebliche Konflikte mit dem Sozialistischen Realismus in Kunst und Kultur austrug. Aus den „Geträumten Wirklichkeiten“ wären dann vermutlich thematisch „Reale Wirklichkeiten“ geworden.

Fazit: Die Lände Kressbronn hat mit dieser Ausstellung ein bedeutendes Stück deutscher Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts präsentiert. Dafür gebühren der Galerie Dank und Anerkennung.

R.S.

 

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